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Pilotprojekt Online-Repetitorium und Beratungsplattform für Historische
Sozialforscher am ZA-ZHSF
von Jan Schminder M.A.
Einführung: Virtuelle Lehre am ZHSF im Rahmen der Herbstseminare
Seit Sommer 2000 wird am ZHSF das Pilotprojekt "Online Propädeutikum zum
ZA-ZHSF Herbstseminar" ("Virtuelles Herbstseminar") durchgeführt.
Motivation für dieses Projekt waren Überlegungen, wie durch die Nutzung des
Internets die Lehrveranstaltungen für die (potentielle) ZHSF-Klientel der
Anfänger- und Grundkurse in Historischer Sozialforschung effektiver gestaltet
und für die Teilnehmer zeit- und kostengünstiger vorbereitet werden können.
Dabei wollten wir vor allem die offenkundige Vorteile von internetvermittelten
Lernformen nutzen:
1. Die zeitliche und räumliche Flexibilisierung erlaubt eine Erweiterung des
Teilnehmer- und Veranstalterkreises sowie der Veranstaltungszeiten und -orte.
Übungen, Tutorien, Kolloquien und Seminare können über räumliche Grenzen hinweg mit
Teilnehmern an verschiedenen Standorten und damit wohnorts-, universitäts- und
länderübergreifend durchgeführt werden.
2. In virtuellen Veranstaltungen, die sich an die Studierenden einer einzelnen
Hochschule wenden, können die Teilnehmenden Fahrtzeiten einsparen. Dies ist
insbesondere an Universitätsstandorten von Vorteilen, an denen die Studierenden in
einem großen Umkreis um die Hochschule wohnhaft sind.
3. Virtuelle Hochschulveranstaltungen können auch von mehreren Hochschulen
gemeinsam angeboten werden, da das Internet eine Vernetzung der Veranstalter zulässt.
Punktuell können andere Hochschullehrer, Experten und Praktiker virtuell zugeschaltet
werden. Dabei ist die Integration interdisziplinärer, überregionaler kultureller und
sprachlicher Vielfalt möglich, in der die Studierenden auch den Austausch mit Personen
verschiedener Fachbereiche, Hochschulen und Länder erleben können.
4. Virtuelle Hochschulveranstaltungen können auch ergänzend oder alternativ zu
herkömmlichen Veranstaltungsformen angeboten werden und so den Studierenden die Wahl der
Veranstaltungsform überlassen.
5. Die internetgestützte Automatisierung einiger Kommunikationsprozesse
(z.B. die elektronische Übertragung von studentischen Übungsergebnissen und des Feedbacks
des Veranstalters) unterstützt eine intensive Betreuung auch in Massenveranstaltungen.
Zu den Serviceaufgaben des ZA-ZHSF zählt auftragsgemäss die Vermittlung von
Grundlagenwissen zur Historischen Sozialforschung (HSF) für graduierte Forscher (weniger für
Studenten) verschiedenster Ausbildungs- und Qualifikationsniveaus. Dies geschieht am ZHSF
seit 1980 im Rahmen der Herbstseminar-Grundkurse. Darüber hinaus werden in den Aufbaukursen
Fortbildungsangebote zur Vertiefung der Fertigkeiten für die Absolventen der Grundkurse oder
für Forscher mit entsprechenden Grundkenntnissen angeboten.
Der Erfolg des Herbstseminars beruht zu einem nicht unerheblichen Teil auf dem
Workshop-Character der Seminare. Zwei Wochen intensiver, gemeinsamer Beschäftigung mit
den Themen Methoden der Historischen Sozialforschung, Statistik, Datenbanken
und SPSS ist fast schon ein "Bildungs-Event" und haben somit eine starke soziale
Komponente. Denn gerade unter deutschen Historikern sind die "Quantifizierer"
häufig immer noch Exoten an ihren jeweiligen Universitäten und haben in den Herbstseminaren
oft zum ersten Mal die Chance auf eine Gruppe von Gleichgesinnten zu treffen.
Gleichermaßen nimmt die Zahl der in irgend einer Weise quantitativ orientierten historischen
Forschungsarbeiten zu, so dass eine "quantitative Lücke" in der Ausbildung von
Historikern / Sozialwissenschaftlern in Deutschland besteht und entsprechende
Fortbildungsangebote häufig nachgefragt werden.
Eines der größten Probleme, mit denen fast jedes Herbstseminar zu kämpfen hatte,
war das unterschiedliche Vorwissen der Teilnehmer. Dieses reichte von Null bis hin zu einem
hohen Niveau bei Teilnehmern, die schon umfangreiche, quantitativ orientierte Projekte
bearbeitet hatten. Um überhaupt die praktischen Übungen des Workshops sinnvoll durchführen
zu können, ist es also unabdingbar, die Teilnehmer zumindest auf ein minimales gemeinsames
Kenntnisniveau zu bringen. Dies geschah bislang aus Zeitmangel vorwiegend durch massiven
Frontalunterricht, der im Extremfall die blutigen Anfänger hoffnungslos überforderte und die
Semi-Profis tödlich langweilte. Zudem verstrich fast 30-40% der Seminarzeit mit
Grundvorlesungen und gingen zu Lasten der Praxisübungen im Computer-Pool. Auch auf die
Dozenten wirken diese Art Seminare mitunter demotivierend.
In den Seminaren jedoch, in denen die Teilnehmer schon ein Mindestmaß an Vorkenntnissen
mitbrachten, und daher die Einführungsvorlesungen lediglich repetitiven Charakter
hatten, entwickelte sich in der Regel schnell eine kreative Workshop-Arbeitsatmosphäre,
die für die Dozenten wie auch die Teilnehmer wesentlich befriedigender war, da man einen
Großteil der Zeit tatsächlich aktiv und entdeckend lernen konnte. Dies ist in den
Aufbaukursen für Fortgeschrittene regelmäßig der Fall.
Eine weiteres Problem stellt die lange Zeit von zwei Wochen Workshop dar.
Denn das Hauptklientel der Herbstseminare ist durch zwei Charakteristika geprägt:
Zeit- und nicht zuletzt Geldmangel. Studenten, Doktoranden und Wissenschaftliche Hilfskräfte
zählen nicht gerade zu den Großverdienern in der akademischen Landschaft und sind zudem
zwischen Familie, Beruf und Examen oder Promotion extrem eingespannt.
Die Kosten, die durch die Unterbringung in Köln verursacht werden und der zeitliche Aufwand
von zwei Wochen schreckte viele potentiellen Teilnehmer schon im Vorfeld ab.
Eine Möglichkeit, den oben genannten Problemfeldern des Herbstseminars zu begegnen,
bieten die Vorteile der virtuellen Lehre. Insbesondere die Zeit- und Ortsunabhängigkeit
des Lernens sowie die individuelle Betreuung durch E-Mail und Disskussionslisten, die zugleich
Feedback für die Dozenten sind, können dazu genutzt werden, den Workshop effektiver zu gestalten.
Denn der enorme Vorteil des sozialen Miteinanders im Workshop, der eine große Stärke des
Herbstseminars ist, soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Dies ist in einem vollständig
virtuellen Seminar schlechterdings unmöglich.
Ein "Virtuelles Herbstseminar" ist deshalb nur sinnvoll denkbar als
Ergänzung zum Herbstseminar "vor Ort". Es ersetzt weitestgehend den
Vorlesungsteil und dient somit als Propädeutikum zur HSF dienen. Es entlastet das
Herbstseminar, in dem es die Teilnehmer dazu auffordert, sich schon vor Seminarbeginn mit
dem Thema auseinander zu setzen. Sie müssen dies jedoch nicht vollständig isoliert tun,
sondern haben die Möglichkeit sich per E-Mail und Diskussionsforum oder Chat an die
anderen Teilnehmer und auch an die Dozenten zu wenden. Außerdem stärkt das
Vorbereitungstreffen zum Virtuellen Propädeutikum den Sozialen Zusammenhalt und ist eine
wesentliche didaktische Voraussetzung für selbstgesteuertes Lernen während der Online -Phase.
Ziel ist es, das bisher sehr unterschiedliche Basiswissen zur HSF, das die
Teilnehmer mitbringen, auf ein gemeinsames Niveau zu bringen. Den Teilnehmern wird
auch ermöglicht, eine realistische Erwartungshaltung für das Herbstseminar zu
entwickeln. Die Dozenten sollen durch das Virtuelle Seminar von der Aufgabe entlastet
werden, die elementarsten Grundlagen von Datenbanken, Statistikanalyse und
Forschungsmethodik immer wieder vortragen zu müssen. Diese Zeit können sie besser
dazu einsetzen, die Workshopteilnehmer beim Selbstlernen im Propädeutikum zu
unterstützen und mehr Coach als Dozent zu sein. Auf diese Weise soll das Herbstseminar
vor Ort wieder mehr an "Workshopcharakter" gewinnen, da dies für Teilnehmer
und Dozenten fruchtbarer ist, als ein dichtgedrängtes Programm von Grundvorlesungen.
Technologische Umsetzung einer Web-basierten Arbeits- und Lernumgebung
Zur Umsetzung unserer Ideen haben wir ein fast schon minimalistisches Konzept verfolgt,
da für uns nicht die Entwicklung neuer Technologie im Vordergrund stand, sondern die
konkrete Nutzbarmachung der vorhandenen und durchaus ausreichenden Technik für unsere
spezifischen Zwecke. Statt uns auf eine im wesentlichen technologie- getriebene
Unternehmung einzulassen, war es uns wichtiger, uns an den Bedürfnissen der Lehrenden und
Lernenden zu orientieren. Und das heißt in der Regel: so wenig technologischen Overhead
wie möglich zu produzieren.
Für unsere Webbasierte Lernumgebung verwenden wir folgende Technologie:
- Einen handelsüblichen Rechner als Server unter LINUX (RedHat 7.3)
- Apache Web Server
- Die Scriptsprachen Perl und JavaScript
- HTML 4.0 mit CSS Style Sheets
- BSCW-Groupware 4.0 unter Python 1.5
Vor allem die BSCW-Groupware bietet dank ihrer guten Skalierbarkeit und robusten,
erprobten Programmierung sowie des guten Supports und der kostenlosen Lizensierung für
Universitäts- und Lehreinrichtungen enormes Potential.
BSCW (Basic Support for Cooperative Work) ist ein sogenannter "Groupware-Server".
Er ermöglicht es über einen WWW-Browser mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten.
D.h. es gibt gemeinsame Arbeitsbereiche, vergleichbar mit einer gemeinsam
genutzten Festplatte auf einem Rechner, in denen die Benutzer für die Mitglieder ihrer
Arbeitsgruppe Dokumente ablegen (uploaden) und herunterladen können. Gleichzeitig
unterstützt BSCW auch die asynchrone Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer
Arbeitsgruppe, da sich in den Arbeitsbereichen Diskussionslisten (oder Foren/Newsgroups)
erzeugen lassen, die denen der Newsgroups im Internet sehr ähnlich sind.
Die Funktionalität von BSCW ist sehr komplex. Doch mit einiger Übung läßt sich
sehr bequem damit arbeiten. Vergleicht man BSCW mit anderen Produkten, so
macht die Kombination aus gelungenem Kommunikationsdesign, fairer Lizensierung, großem
Funktionsumfang und die robuste, zuverlässige Programmierung BSCW zur Kommunikationsplattform
unserer Wahl.
BSCW kann auf eine lange Entwicklungszeit zurückblicken: Das Institut für
Angewandte Informationstechnik (FIT) beschäftigt sich seit mehr als 10 Jahren mit
der Entwicklung von Systemen zur Kooperationsunterstützung. Da zwischen einfachsten
Mitteln zur Kooperation wie E-mails oder Newsgroups und hochkomplexen
Client-Server-Systemen eine hohe Diskrepanz bestand, begannen Mitarbeiter des
FIT/GMD 1994 mit der Entwicklung einer Lösung, die diese Lücke schließen sollte.
Das Produkt, das dabei entstand war BSCW. Nach jahrelanger Weiterentwicklung
entstand eine für die Entwickler erstaunlich große Nachfrage, so daß man beschloß
BSCW zu kommerzialisieren. Die Entwickler gründeten im Juli 1998 die OrbiTeam Software GmbH,
als Spin-Off Firma des GMD-Forschungszentrums Informationstechnik GmbH, für die
Weiterentwicklung und den Vertrieb des BSCW Shared Workspace Systems. Hauptziele
von OrbiTeam sind nach eigenen Angaben: "die Pflege, Weiterentwicklung und der
professionelle Support von BSCW-Systemen weltweit". Trotz dieser Profitorientierung
sind die Lizenzen für den Universitäts- und Lehrbetrieb nach wie vor kostenfrei,
wobei es trotzdem keine Einschränkungen im Support per E-Mail gibt.
Das System wird mittlerweile von vielen Universitäten, Schulen und auch Firmen eingesetzt,
wie z.B. von der Fernuniversität Hagen, Forschungszentrum Jülich GmbH,
Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik, DEBIS Systemhaus,
Cisco Systems Deutschland, France Telecom, Hewlett Packard-France,
Software Engineering Institute der Carnegie Mellon University, University of Washington,
US Air Force-Aero Systems Center und noch vielen mehr. Seit 1994 sind mehr als
400 BSCW-Server online gegangen. Die Software wurde bereits in mehr als 10 Sprachen übersetzt.
Die wesentlichen Anforderungen für webbasierte Lernumgebungen, die einem
konstruktivistischen Lernschema folgen, wie es in der Erwachsenenbildung notwendig ist,
können damit hinreichend angeboten werden. Dazu zählen u.A.:
-
Benutzerverwaltung mit Passwortschutz
-
Navigierbare Oberfläche für die Lernumgebung
-
Erzeugen von individuellen und gemeinsamen Arbeitsbereichen
-
Gemeinsames Bearbeiten von Daten/Texten in frei wählbaren Formaten
-
Automatische Versionskontrolle von Dokumenten
-
Up- und Download von Dateien
-
Erzeugen und Verwalten von Diskussionsforen/Listen
-
Adressbücher und Taskplaner
Die Funktionen des BSCW-Servers können aber nicht nur zum Zwecke der Lehre eingesetzt
werden, sondern es sind noch andere Anwendungsbereiche denkbar, die das Aufgabenspektrum des
ZHSF unterstützen können, besonders in seinen Aufgaben als Beratungsinstitution und
seiner clearing-house Funktion:
Ausbau der vorhandenen Angebote zu einem Repetitorium und zu einer
Online- Beratungsplattform
Wir haben das "Virtuelle Herbstseminar" kontinuierlich weiterentwickelt
und zweimal unter "Realbedingungen" erprobt und sind sehr zufrieden mit den
Ergebnissen. Auch wenn unsere Erwartungen in manchen Punkten nicht vollständig erfüllt
wurden, so kann man doch sagen, dass das Kernziel einer Verbesserung und größeren
Effektivität des Herbstseminars durchweg umgesetzt werden konnte:
Die Teilnehmer zeigten sich in der Regel gut motiviert und kamen besser vorbereitet
zum Workshop nach Köln. Es traten weniger "psychologische Reibungsverluste"
auf und vor allem das Vorbereitungstreffen zum Virtuellen Propädeutikum im Mai 2002
hat wesentliche Motivationskräfte freigesetzt und für einen problemlosen Ablauf
des Seminars im August 2002 gesorgt. Naturgemäß traten auch verschiedene
Schwierigkeiten auf, diese waren aber nur selten technischer Natur sondern resultierten
vielmehr aus der ungewohnten Lern- und Lehrsituation heraus. Dies wird in Zukunft
durch eine Verbesserung des Vorbereitungstreffens ausgeglichen werden.
Wichtig ist vor allem festzuhalten, dass es keine Berührungsängste,
strikte Ablehnung oder prinzipielle Probleme in der Benutzung der Lernumgebung gab.
In der Regel fanden sich die Teilnehmer schnell zurecht, und eine Teilnehmerin sprach
auch davon, daß sie sich nach einiger Zeit regelrecht "zu Hause" auf dem
Server gefühlt habe.
Viele der Teilnehmer haben sich gewünscht, auch noch nach dem Ende des Seminars
die Lernumgebung und ihre Inhalte nutzen zu können. Dies geschah hauptsächlich
aus dem Bedürfnis heraus die Möglichkeit zu haben eventuelle Lücken
aufzuarbeiten oder zu einem späteren Zeitpunkt vergessene Kenntnisse noch einmal
aufzufrischen. Teilweise wollten einige Teilnehmer auch mit den Mitlernenden und Dozenten
in Kontakt bleiben.
Aufgrund dieses Feedbacks sehen wir uns ermutigt, ein Konzept in einem Pilotprojekt
auszuprobieren, das uns schon länger beschäftigt und das ebenfalls vor allem
die Orts- und Zeitunabhängigkeit der Kommunikation im Web für die Aufgaben des
ZA-ZHSF nutzbar macht:
Wir schätzen das Bedürfnis der "ehemaligen" Herbstseminarteilnehmer
nach einer Auffrischung Ihrer Kenntnisse recht groß ein. Die Kenntnisse der HSF,
die sie erworben haben, bleiben - wie dies mit fast allem Lernstoff der Fall ist, nur dann
benutzbar, wenn sie benutzt werden. Liegt die Teilnahme am Herbstseminar über zwei
Jahre zurück, ohne dass die Teilnehmer auch diese Kenntnisse für Ihre
Projekte genutzt haben, so ist eine Auffrischung sicher nötig. Dies zeigt sich auch
immer wieder bei der Beratungstätigkeit des ZHSF: Oftmals wird den Ratsuchenden
empfohlen, noch einmal Teile des Herbstseminarstoffes zu wiederholen, damit überhaupt
eine sinnvolle Beratung möglich ist.
Gleichzeitig ist gerade auch bei den Beratungen eine hohe Hemmschwelle zu beobachten,
da wir die Ratsuchenden um eine genaue Definition des Projektes, der aufgetauchten Probleme
und den (leider meist schon vorhandenen) Datensatz bitten. Dies ist natürlich
unabdingbare Voraussetzung für eine konstruktive Beratung oder einen Expertenverweis,
gerade auch wenn es sich um eine aufwändigere, projektbegleitende Beratung handelt.
Dazu kommt der erhebliche Zeit- und Kostenaufwand für alle Beteiligten,
wenn es sich um eine Beratung handelt, die im direkten Gespräch abgewickelt wird.
Vieles kann nur unzureichend am Telefon besprochen werden, und oft sind bloße
Telefonate auch recht unstrukturiert. Hier ist es ein erheblicher Vorteil, wenn Berater und
Ratsuchender gezwungen sind die gesamte Kommunikation zu verschriftlichen oder auch
Skizzen und Screenshots auszutauschen. Dies strukturiert die Beratung erheblich und vor
allem ist der "Workflow" des Beratungsvorgangs transparenter, als wenn jeder seine
eigenen Notizen macht.
Meist bestehen die Texte und Datensätze, die der Ratsuchende dem ZHSF zusenden soll
in maschinenlesbarer Form und könnten ohne größeren Aufwand auf dem
BSCW-Server abgelegt werden und dann von den Beratern oder auch den externen Experten dort
eingesehen und kommentiert werden.
Falls es notwendig erscheint, dem Ratsuchenden zu empfehlen seine Kenntnisse a
ufzufrischen, können die Lerneinheiten, Glossare, Texte und anderes Studienmaterial,
das aus dem Virtuellen Herbstseminar stammt, "raffiniert" werden und von dem
Berater in den persönlichen Arbeits- und Beratungsbereich des Ratsuchenden
eingestellt werden. Dazu müssen die Online-Kurse des Virtuellen Herbstseminars
lediglich "atomisiert" werden und vom Berater individuell zu einem
"Reader" zusammengestellt werden. So wird eine Form der "Nähe"
geschaffen, die u.A. dazu führen soll, dass der Ratsuchende die Empfehlungen des
Beraters gleich und am selben Ort befolgen und umsetzen kann und nicht erst eine Bibliothek
aufsuchen muss oder gar nach Köln reisen muss. Eine erhöhte Motivation auf beiden
Seiten ist die Folge.
Eine gute Anwendungsmöglichkeit besteht auch für die Beratung einer
geographisch voneinander getrennten Forschergruppe, die dann an einem zentralen Ort Ihre
Fragen loswerden können und von einem Berater beraten werden können, der
den Überblick über das Forschungsprojekt hat. So ist es sowohl möglich
individualisierte Beratung zu leisten als auch ganze Gruppen zu beraten, ohne viel
logistischen Aufwand zu betreiben und sich mit allen Terminproblemen herumzuschlagen,
die sich sonst in der Regel ergeben würden.
Die Kommunikationsmöglichkeiten des BSCW-Servers können dann langfristig
gut dazu genutzt werden, Fragen und Antworten die im Laufe der Online-Beratung
auftauchen zu sammeln und in eine FAQ zu verwandeln.
Auf diese Weise entsteht im Laufe der Zeit eine Art Thesaurus der verschiedensten
Forschungsansätze und Fragestellungen und so auch entsprechendes Material,
das man auch wieder für Lerneinheiten des Virtuellen Seminars nutzen kann. Deren
Attraktivität erhöht sich, wenn man nicht nur über ein einziges
Beispielprojekt die Methoden der Historischen Sozialforschung erlernen kann,
sondern sich sein Beispielthema zumindest aus der Nähe der eigenen Forschungsinteressen
wählen kann.
Ist diese Sammlung verschiedener Themen groß genug, so besteht ein dezentraler
"Informationspool", der auf die meisten Probleme, mit denen sich
Historische Sozialforscher konfrontiert sehen, eine Antwort gibt, oder zu mindestens
Hinweise auf Experten und Literatur liefert und so die Maklerfunktion des
ZA-ZHSF stärkt.
Weiterhin erhoffen wir uns langfristig die Schaffung einer "Online-Community"
der Historischen Sozialforschung. Eine der wesentlichen Aufgaben des ZHSF ist es ja auch,
eine Zentrale Anlaufstelle für die weit verstreute Gemeinde der Historischen
Sozialforscher zu sein. Eine wesentliche Plattform ist die HSR, es wäre aber
wünschenswert, wenn es auch eine Art "Forum Historische Sozialforschung"
gäbe, die mehr leistet als ein bloßes Diskussionsforum oder ein
Majordomo-E-Mail Verteiler.
Insgesamt dient der Ausbau des Virtuellen Herbstseminars zu einem erweiterten
Online Beratungs-, Lern und Informationszentrum der Stärkung der
Dienstleistungsangebote des ZA-ZHSF. Es werden Hemmschwellen gesenkt und logistische
Probleme umgangen, mit denen wir uns bisher immer wieder konfrontiert sahen.
Es ist Mithilfe des Groupware-Servers möglich, individuelle Beratung,
projektbegleitendes Tutoring und Online-Lernen miteinander zu verschmelzen und somit
flexibel auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der ZA-ZHSF Klientel einzugehen.
Wir erwarten von dem Online-Angebot eines Repetitorums und einer Online-Beratungsplattform
ein erhöhtes Beratungsaufkommen und eine Reaktivierung ehemaliger
Herbstseminarteilnehmer nicht nur als passive Konsumenten sondern auch als Teilnehmer
und Inhaltslieferanten für den dezentralen Informationspool
"Historische Sozialforschung". Gleichzeitig erhöht sich mit dieser
Verbreiterung der Angebotspalette auch die Attraktivität der Online-Angebote
des ZA-ZHSF, so daß wir in Folge auch verstärkt die Kooperationen mit
anderen Instituten und Lehrstühlen suchen können, die unsere Plattform und
unsere Inhalte nutzen und ihrerseits selbst Inhalte, Kurse, Texte und Betreuungsleistungen
beisteuern.
js, Nov. 2002
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